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 Jeffrey Moore - Die Gedächtniskünstler

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Kemijoki
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BeitragThema: Jeffrey Moore - Die Gedächtniskünstler   So Jan 20, 2008 4:45 pm

Ich hab das Buch in meinen Weihnachtsferien gelesen und ich liebe es wirklich.

Es ist ein total tolles Buch über Menschen die Synästhesie haben.
Anmerkung zu Synästhesie (aus wikipedia): Überwiegend versteht man darunter die Kopplung zweier physikalisch getrennter Domänen der Wahrnehmung, etwa Farbe und Temperatur ("warmes Grün"), im engeren Sinne die Wahrnehmung von Sinnesreizen durch Miterregung eines Sinnesorgans, wenn ein anderes gereizt wird. Menschen, bei denen derart verknüpfte Wahrnehmungen regelmäßig auftreten, werden als Synästhetiker bezeichnet.

Der Autor beschreibt die Welt von Noel (der Hauptperson des Buches) total authentisch. Mit viel Können beschreibt er, wie Noel einzelne Stimmen in Farben und Buchstaben sieht, etc. Ich kann euch das gar nicht so genau beschreiben.

Zum Inhalt:
Es ist zuweilen von tragischer Ironie, wie ungleich in einer Familie die Geistesgaben verteilt sein können. Etwa zwischen Mutter und Sohn in dieser Geschichte: Stella Burun muß mit sechsundfünfzig Jahren wegen vorzeitiger Demenz ihre Tätigkeit als Kunstlehrerin und die Möglichkeit eines selbstständigen Lebens aufgeben.

Einstweilen helfen ihr noch tägliche Notate zu begreifen, was mit ihr geschieht. Aber schon bald kann sie sich im Labyrinth der Verwirrtheit abhanden gekommen sein.

Während sie um ihre Erinnerung kämpfen muss, verfügt ihr Sohn Noel über ein irritierend genaues und ausdauerndes Gedächtnis. Überdies ist er mit der seltenen Gabe der Synästhesie ausgezeichnet: Stimmen erscheinen ihm als Formen, Worte als Farben – ein atemberaubendes Assoziationstheater, das einem die Orientierung im gewöhnlichen Leben nicht unbedingt leichter macht. Noel will das eindrucksvolle Kombinationsvermögen seiner Synapsen in den Dienst der Wissenschaft stellen und ein Medikament für seine Mutter entwickeln.

Oder wie es ein Freund etwas flapsig formuliert: „Deine Mutter ist bei der Gedächtnisbank in den Miesen, während du Millionär bist. Also musst du ’ne Möglichkeit finden, wie du einen Teil deines Kapitals an sie transferieren kannst.“

Das tut der Sohn dann auch – mit ziemlich unkonventionellen Methoden. Noel studiert pharmazeutische Handbücher und esoterische Schriften, holt sich Rat bei befreundeten Spezialisten der profanen Erleuchtung durch Drogen und experimentiert in seinem Kellerlabor mit allerlei exotischen Materien: Mohnsamen, Mönchspfeffer und Distelmilchextrakt, aber auch potente psychotrope Substanzen kommen zur Verwendung.

Den Kriterien der Arzneimittelprüfkommission würde der so entwickelte Zaubertrank wohl nicht genügen – aber Noels Mutter scheint diese abenteuerliche Mixtur ihre Erinnerung zurück zu bringen.

Was einem, streng medizinisch und mit der gebotenen Skepsis betrachtet, wie Hexerei vorkommt. Jeffrey Moore gebietet über ebenso verführerische wie obskure Mittel. Der kanadische Erzähler bringt in seiner spannend erzählten Geschichte Neurobiologie und Naturheilkunde zusammen, antike Gedächtniskunst und eine von dem New Yorker Neurologen und Schriftsteller Oliver Sacks inspirierte romantische Wissenschaft, in der sich das Biologische und das Kulturelle wechselseitig erhellen sollen.

Streckenweise wird dabei heftig spekuliert: über Entsprechungen von moderner Pharmazeutik und zeitlosen Gesetzen der Schönheit etwa, über Zahlenmagie und die Erinnerung als Grundstoff der Kunst. Aber Jeffrey Moore findet von den spirituellen Höhenflügen immer wieder auf den Boden der traurigen Tatsachen zurück. Stellas fortschreitender Gedächtnisverlust wird – ein Kunststück des Erzählers – aus der Sicht der Erkrankten dargestellt: mit allen Ausfällen, Peinlichkeiten und tragikomischen Details, etwa wenn sie die Geschirrspülmaschine mit der Mikrowelle verwechselt.

Bei aller Anteilnahme ist Moores Buch aber nicht nur eine Krankengeschichte. Denn komplementär zu Stella Buruns Bewusstseinskonfusionen wird ja auch Noels extreme Gedächtnisverfassung dargestellt: ein Feuerwerk aus literarischen Anspielungen und geistreichen Spielereien, das den ganzen Roman gleichsam illuminiert.

Dass der trotz dieses Beziehungsreichtums mit seinen Perspektivenwechseln und Spiegeleffekten so bemerkenswert leicht daherkommt, liegt nicht zuletzt an dem Ensemble skurriler Nebenfiguren aus der Bohème von Montreal: Ein schräger Lebenskünstler mit kindlicher Lust am Kalauern heitert Noels Mutter auf und holt sie aus der Tiefe ihrer Depression wieder ins Leben zurück.

Der dandyhafte Norval will die Frauen nach der Reihenfolge des Alphabets verführen und deklariert dieses wahnwitzige Aufreißprogramm als Kunstperformance, um sich ein Stipendium zu erschleichen – bis er bei der schönen Samira, einer geheimnisvollen Schauspielerin, die viel zu vergessen hat, ins Straucheln gerät. Und im Hintergrund agiert, als Spiritus rector, Lieferant pharmakologischer Grundstoffe und fingierter Herausgeber dieses Romans der etwas undurchsichtige Psychiater und Gedächtnisforscher Dr. Vorta.
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Also ich kann das Buch wirklich nur weiterempfehlen. Es hat mich wirklich bereichert! Und es ist total interessant zu erfahren, was in einem Synästhetiker vorgeht.
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Dabiku
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BeitragThema: Re: Jeffrey Moore - Die Gedächtniskünstler   Fr Jan 25, 2008 12:08 pm

Oh, das Buch klingt für mich sehr interessant.

Ich bin sowieso der Meinung, dass der Mensch viel zu wenig mit seinen Gefühlen arbeiten und leben kann, da er sie durch die Zivilisation und die Entwicklung seiner Spezies zum größten Teil irgendwo "weggepackt" hat und sich selbst dadurch blockiert.

Ich wusste auch bis eben nicht, dass es diesen Begriff "Synästhetiker" gibt. Obwohl ich glaube, zumindest einen solchen besonderen Menschen "zu kennen" und für mich es nichts neues und verwunderliches, so zu sein.

Die Kehrseite ist eben leider die Demenz, wo der Mensch jetzt hilflos davor steht. Ich habe demente Leute betreut. Es macht betroffen und man ist irgendwo hilflos. Warum gibt es diese "Krankheit"? Was geht in unseren Gehirnen vor?...Und trotzdem bin ich der Meinung, der Mensch geht nicht ganz verloren, es gibt Momente, wo man genau spürt, da ist noch was....

Vielleicht gab es Demenz ja schon immer, nur uns fällt sie erst heute so richtig auf, da wir ja sehr alt werden. Noch vor etwa 120 Jahren starb man im Durchschnitt mit 30 Jahren.

Danke für den guten Tipp, liebe Kemijoki.
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