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 Geister der Vergangenheit

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AutorNachricht
Sternenkind



Weiblich
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BeitragThema: Geister der Vergangenheit   So Sep 09, 2007 11:06 pm

Geister der Vergangenheit

Müde wacht er auf. Er versucht sich zu strecken, doch bereits Sekundenbruchteile nach der ersten Bewegung spürt er den stechenden Schmerz im Rücken. Die vergangenen dreiundsiebzig Jahre haben doch ihre Spuren hinterlassen. Langsam dreht er sich nach rechts, dann nach links und noch einmal nach rechts. Noch während der dritten Drehung spürt er das leichte Schnacken der Sehnen, die in seinem Rücken verlaufen. Bereits nach wenigen Sekunden hören die Schmerzen auf.
„Ich darf meine Nächte einfach nicht mehr in diesem alten Sessel verbringen“, denkt er während er den Fernseher ausschaltet, den er am Abend hatte laufen lassen, weil er zu müde gewesen war um aufzustehen und ihn auszuschalten.
„Ich muss mir wirklich langsam einen dieser neumodischen Farbfernseher mit Fernbedienung anschaffen.“
Langsam schlurft er in die Küche. Er schneidet sich eine Scheibe Brot ab, bestreicht sie mit Butter, streuselt etwas Zucker darauf und beißt hinein. Doch bereits bevor er mit dem Kauen beginnt spuckte er den Bissen wieder aus.
„Furchtbar“, denkt er und schlurft zurück ins Wohnzimmer.
Dort hebt er den Koffer hoch, den er gestern gepackt hat und geht zur Tür. Auf halbem Weg dreht er sich noch einmal um und sieht sich seine Wohnung an, die er gleich für immer verlassen wird. So richtig realisiert hat er es noch nicht, denn immer wieder kreisen seine Gedanken um alltägliche Dinge, so wie auch vorhin als er im Sessel aufgewacht war. Doch in dem Augenblick in dem er seine Wohnung vom ungewohnten Standpunkt neben der Tür betrachtet, wird ihm alles wieder schlagartig klar. Die Schwäche- und Schwindelanfälle, der lange Weg zum Arzt mit der Straßenbahn, der Krankenwagen, der ihn sofort nach dem Termin zum Krankenhaus gebracht hatte, die lange Röhre durch die sie ihn geschoben hatten, das anschließende Warten auf den Arzt. Und dann die Diagnose. Aber das ist jetzt nicht mehr wichtig. Nichts ist mehr wichtig. Hat man sich erstmal für etwas entschieden, ist der Weg, der einen zu dieser Entscheidung geleitet hat, nebensächlich. Nur die Ausführung zählt dann noch. Und um diese Ausführung muss er sich jetzt kümmern.
Er verlässt das Haus und geht langsam die Straße hinunter. Schritt für Schritt konzentriert er sich darauf, nicht zu stolpern. Wenn er jetzt fällt, würde das alles in Gefahr bringen.
Für den Weg bis zur Bushaltestelle benötigt er eine halbe Stunde.
„Früher hätte ich ihn in zehn Minuten hinter mich gebracht.“
Aber das war früher. Nicht sehr viel aber doch früher. Vorher.
Zum Glück kann er mit seinem Bus direkt zum Bahnhof fahren. Der Weg von der Haltestelle zum Zug ist nicht sehr lang. Nur eine weitere halbe Stunde.
Später dann, im Zug, schläft er wieder ein. In letzter Zeit ist er immer sehr müde.
Durch seinen tiefen Schlaf bemerkt er nicht die Veränderung, die auf der anderen Seite des Abteilfensters stattfindet. Hochhäuser wurden zu mehrstöckigen Reihenhäuser, die dann zu Einfamilienhäusern werden. Und auch die werden von Zeit zu Zeit weniger, bis nur noch hin und wieder ein Bauernhof vorbeizischt.
Gerade als der ICE an einem Maisfeld vorbeifährt wird er wach. Für einen Moment weiß er nicht wo er ist. Und als es ihm wieder einfällt, erschrickt er.
„Wo bin ich jetzt? Hab ich die Stadt schon verpasst?“
„In welche Stadt wollen sie denn?"
Ihm war gar nicht aufgefallen, dass noch eine Person in seinem Abteil saß. Und noch weniger, dass er laut gesprochen hatte.
„Köln“, brummt er.
„Keine Angst“, sagt die nette junge Frau, „Es ist erst der nächste Bahnhof.“
Daraufhin erhebt er sich und noch während er schweigend das Abteil verlässt denkt sie bei sich, was für ein komischer Kauz er ist, dass er sich nicht einmal verabschiedet.
Er verlässt den Zug als einer der Ersten. Und das obwohl er es fast nicht geschafft hätte den Ausstieg rechtzeitig zu erreichen.
Als sich die Tür öffnet, schlägt ihm die schwüle, stickige Luft entgegen, die in jedem Bahnhof zu finden ist. Doch diese Luft ist anders. Er würde sie überall auf der ganzen Welt wieder erkennen. In dieser Luft liegt alles, was er jemals im Leben geliebt hat. Seine Heimat, seine Frau, die Familie, Freunde, sein Leben. Von all dem ist nichts mehr übrig. Er ist allein. Doch das ist nicht mehr wichtig. Nichts ist mehr wichtig.
Er geht langsam über den Bahnsteig und lässt sich von der Rolltreppe nach draußen tragen. Dort angekommen sieht er sich kurz um. Sofort findet er sich zurecht.
„Tja“, sagt er in Gedanken zu seinem Arzt, „Wenn sie das sehen könnten, sie würden’s nicht glauben.“
Schließlich ist es der Arzt gewesen, der ihm gesagt hatte, dass er nach und nach auch seinen Orientierungssinn verlieren würde.
Er zögert noch einen Moment, dann geht er los. Zielstrebig bewegt er sich auf eine kleine Gasse zu. Große Straßen oder gar Fußgängerzonen lehnt er ab. Da sind ihm zu viele Menschen. Diese eine Gasse führt zu einer weiteren, die ihn zu einem dritten Abzweig führt. Dort bleibt er stehen und stellt seinen Koffer neben sich. Er ist erschöpft. Die letzten Wochen hatte er in seinem Sessel verbracht. Ein spezieller Alten-Service in seiner Stadt hatte ihm das Einkaufen abgenommen, seine Rente ließ er sich zuschicken. Er hatte es nie nötig gehabt das Haus zu verlassen. Also hatte er es gelassen. Diese ungewöhnliche Belastung heute spürt er deshalb umso stärker. Jetzt, wo er da so steht, bemerkt er das leichte Pochen hinter den Schläfen. Früher, als er sich noch viel bewegt hatte, hatte er das oft gespürt. Doch diesmal ist es anders. Es wirkt bedrohlich auf ihn. Es ist wie ein Wecker, den man kurz vor dem Aufstehen ticken hört und von dem man weiß, dass er sehr bald klingeln wird. Jeder Schlag seines Herzens bringt ihn dem Tod näher. Doch gerade deshalb muss er sich beeilen. Er geht weiter. Es ist später Nachmittag und die Sonne nähert sich immer mehr dem Horizont. Doch den kann er nicht sehen. Denn obgleich der Stadtteil in dem er sich befindet recht alt ist, scheinen die Häuser für ihn bis in den Himmel zu ragen.
Er geht weiter. Und das nächste Mal blieb er erst vor einem alten, verlassenen Mietshaus stehen. Er sieht aufwärts. Dort, im dritten Stock, Wohnung 3b, ist er aufgewachsen. Und als kurz vor seiner Hochzeit die Wohnung darunter frei wurde, mietete er sie sofort und zog ein. Er hatte sein halbes Leben in diesem Haus, in dieser Straße verbracht. Erst, als seine Frau ihn vor die Wahl stellte, sie oder seine Mutter, erklärte er sich dazu bereit die neue Arbeit in der anderen Stadt anzunehmen. Seine Mutter hatte es ihm nie verziehen.
Er sieht sich um. Tausende von Erinnerungen überkommen ihn. Der Bäckerladen, in dem er immer die Samstagmorgen-Brötchen gekauft hatte, der Schuhladen in den ihn seine Mutter immer gezwungen hatte zu gehen, wenn sie neue Einlegesohlen brauchte, das alles erscheint ihm noch so lebendig, obwohl es schon seit Jahren tot ist, so wie das ganze Viertel. Es schnürt ihm die Brust zu als er das vergessene Schild „Wegen Geschäftsaufgabe Sonderausverkauf" im Schaufenster des Spielzeugladens entdeckt.
Er dreht sich wieder um, und noch während er die Tür zu seinem Elternhaus öffnet, schüttelt er den Kopf. Nicht wichtig, nicht wichtig, nicht wichtig, schallt ihm in den Ohren.
Er sieht die Stufen hoch ohne zu wissen, wie er sie bewältigen sollte.
„Kann ich ihnen helfen?“
Er dreht sich um. Hinter ihm steht ein etwa siebenjähriges Mädchen. Es kommt ihm bekannt vor. Wenn er es nicht besser wüsste, würde er sagen, dieses Mädchen wäre..., aber nein. Das kann nicht sein. Sie ist tot. Seine Schwester war vor langer Zeit gestorben. Zu lange, als das er sich noch genau an ihr Gesicht erinnern könnte. Aber dennoch... .
„Wie heißt du, Mädchen?“
„Änne. Und du?“
Er ignoriert die Frage. Das ist doch nicht möglich! Niemand nennt sein Kind heute noch Änne.
„Änne?“
Sie nickt. Er schluckt seine Frage noch einmal runter. Stattdessen fragt er sie:
„Kannst du mich stützen? Ich möchte in den zweiten Stock.“
Das Mädchen zieht die Schultern hoch und verzieht das Gesicht zu einem Lächeln um zu signalisieren, dass sie einverstanden ist.
„Diese Geste...“, dachte er, „das hat sie auch immer gemacht.“
Schon sind sie auf dem Weg nach oben. Zuerst traut er sich nicht, sich mit vollem Gewicht auf sie zu stützen. Sie wirkt so zerbrechlich. Doch sein Gewicht scheint ihr gar keine Schwierigkeiten zu bereiten. Also verlagert er mehr Gewicht auf Ännes Schultern. Auch das scheint sie nicht weiter zu berühren.
Im zweiten Stock angekommen betrachtet er kurz die Tür seiner alten Wohnung. Sie war ist angelehnt. Einen Augenblick zögert er. Das Mädchen scheint zu spüren, dass er sich erst über Einiges klar werden muss, bevor er diese Tür aufdrückt. Und so steht es nur neben ihm, sagt nichts und wartet.
Er dreht sich um.
„Lass uns noch ein Stockwerk nach oben gehen“, sagt er.
Auch davon ließ die Kleine sich nicht verwirren. Sie bietet ihm ihre Schulter an und er ergreift sie. Die beiden schleppen sich gemeinsam in den dritten Stock hinauf. Noch bevor sie ganz oben sind, hört er die Musik. Sie ist fröhlich, einladend. Sie ist wie die Musik, die seine Mutter immer samstags auf dem alten Plattenspieler gespielt hatte. Ohne zu zögern stößt er die Tür auf. Drinnen befinden sich viele Menschen. Menschen, die er nicht erwartet hätte jemals wieder zu sehen. Sogar seine Eltern sind da. Sie begrüßen ihn lächelnd, nehmen ihn in die Arme, lächeln ihn an. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten fühlt er sich wieder wie zu Hause. Er fühlt wie der Rhythmus der Musik ihn packt. Und er beginnt zu tanzen. Die schmerzenden Beine, die pochenden Schläfen, die rasselnden Lungen, er vergisst alles. Bilder strömen in sein Gehirn. Bilder der Erinnerung. Bilder, die ihm die Vergangenheit, die er die letzten vierzig Jahre verdrängt hatte, wieder zurückbringen. Damals befand er sich auch hier. Im Wohnzimmer der Wohnung seiner Eltern. Es war Samstag. Inzwischen ist es mindestens sechzig Jahre her Seine Mutter lässt die Musik laufen. Sie tanzen. Seine Mutter mit seinem Vater, er mit seiner kleinen Schwester. Sie lachen. Die Musik wird schneller, wie auch jetzt, und sie bewegen sich weiterhin im Takt, wie auch jetzt. Sie springen und drehen sich im Kreis. Schneller und schneller und schneller. Wie auch jetzt.
Und während er fällt bleiben seine Augen an dem kleinen, bildschönen Mädchen hängen.
„Änne“, flüstert er, auf dem Boden liegend, „Änne…“
Er sagt es und das Bild brennt sich in seinen Kopf ein. Er nimmt es mit in die Ewigkeit. Das Bild seiner Schwester Änne.

Sie schlägt die Zeitung auf, ohne die Titelseite zu betrachten. Das Elend und die Kriege in der ganzen Welt deprimieren sie. Sie ist nur an den lokalen Nachrichten interessiert. Obwohl sie weiß, dass auch hier, in ihrer direkten Umwelt, viele schreckliche Dinge geschehen. Allein der verwahrloste alte Mann, den sie im Zug getroffen hatte, beweist das nur zu gut. Doch an diesem Morgen will sie den Tag nicht mit diesen Gedanken beginnen. Aber bereits eine Sekunde später wird sie dazu gezwungen. Sie findet die richtige Seite und ihre Augen bleiben an einem kleinen Artikel in der Randspalte hängen.

Zitat :
Leiche eines Mannes (73) in Wohnung entdeckt

Bereits letzte Woche entdeckten die Mitarbeiter eines Reinigungsdienstes in einer Wohnung in Köln die Leiche eines Mannes. Die Reinigungsmänner wollten die Wohnung räumen, da Aufgrund von Neubauplänen der ganze Block abgerissen werden soll. Der Mann trug außer einer Brieftasche keine persönlichen Gegenstände bei sich. Obwohl in der Brieftasche ein Abschiedsbrief an die Tochter des Toten gefunden wurde, geht die Polizei nicht von Selbstmord aus. Auch ein Gewaltverbrechen ziehen die Ermittler nicht in Betracht. Als Todesursache wird eine durch einen Tumor verursachte Gehirnblutung vermutet.
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Kemijoki
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BeitragThema: Re: Geister der Vergangenheit   Fr Sep 14, 2007 7:39 pm

WOW! Bin echt begeistert. Die Story hat mich irgendwie gefesselt Smile So mag ich das. Respekt.

Meine Lieblingspassage:
"Hochhäuser wurden zu mehrstöckigen Reihenhäuser, die dann zu Einfamilienhäusern werden. Und auch die werden von Zeit zu Zeit weniger, bis nur noch hin und wieder ein Bauernhof vorbeizischt."
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Enrico
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BeitragThema: Re: Geister der Vergangenheit   Do Nov 20, 2008 2:47 pm

Noch so eine wunderschöne Geschichte von dir. Ich finde es klasse, wie sie immer mit Zeitungsartikeln oder Nachrichten enden. Fallen dir die Geschichten eigentlich zu sollchen Nachrichten ein? Hab so den Eindruck.
Auf jedenfall finde ich diesen Stil bewundernswert und könnte den ganzen Tag mehr davon lesen. Sie sind immer so bewegend, so einfühlsam geschrieben. Wie schafst du's nur dich derart genau in einen alten Menschen oder eben in die Kinder aus den Slums hinein zu versetzen. Echt wahnsinn, wie du diese Gefühle dann auch noch aufschreiben kannst. Auch die Botschaft kommt immer klar und überzeugend an^^. Ich find das einfach nur toll und bin total begeistert davon.
Ich lächtze nach mehr. Oh bitte schreib noch mehr davon auf.

mfg. Enrico
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