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 Tragikomödie

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Kemijoki
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BeitragThema: Tragikomödie   So Sep 02, 2007 4:08 pm

Wenn wir von Tragikomödie sprechen, müssen wir unterscheiden zwischen dem historischen Begriff, der bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts gültig war, und dem modernen, der eine völlig andere Bedeutung hat. Die klassische Dramatik grenzte die Gattungen Tragödie und Komödie streng gegeneinander ab und trennte sie nach dem Stand der Personen, der Stilebene, dem Stoff und dem Ausgang des Dramas. Trotzdem hat es sowohl in der Theorie wie in der Praxis schon immer Präzedenzfälle gegeben, in denen gegen eine dieser Forderungen, z. B. der nach dem tragischen Ende, verstoßen wurde (Euripides: »Iphigenie auf Tauris«, Elektra«). Die Rechtfertigung eines solchen Verstoßes führte - unbeabsichtigt - zu einer neuen Gattung. Plautus, der in seinem »Amphitryon« die Ständeklausel missachtet hatte, prägte im Scherz den Begriff Tragikomödie.

Jahrhunderte vergaßen diese Neuprägung, und erst die Humanisten entdeckten sie wieder und verwendeten sie für ihre Dramen, wenn diese der klassischen Poetik nicht völlig entsprachen. In der Folgezeit wurde die Tragikomödie als Mischform entweder abgelehnt (Opitz, Gottsched) oder sehr äußerlich definiert als die Tragödie mit heiterem Schluss oder ohne tödliches Ende. Bei Hebbel (Vorwort zu »Ein Trauerspiel in Sizilien«) ist die Trennung zwischen dem traditionellen und dem modernen Verständnis der Tragikomödie vollzogen. Er fasst sie nicht mehr als äußerlichen Verlegenheitsbegriff, um Verstöße gegen poetische Normen zu rechtfertigen, sondern als eine Gattung, die dem Zeitgeist entspricht; sie »ergibt sich überall, wo ein tragisches Geschick in untragischer Form auftritt, wo auf der einen Seite wohl der kämpfende und untergehende Mensch, auf der anderen jedoch nicht die berechtigte sittliche Macht, sondern ein Sumpf von faulen Verhältnissen vorhanden ist, der Tausende von Opfern hinunterwürgt, ohne ein einziges zu verdienen«.

Tragisches und Komisches sind keine Gegensätze mehr, sondern sie sind identisch. »Man möge vor Grausen erstarren, doch die Lachmuskeln zucken zugleich.« Der bedeutendste deutschsprachige Theoretiker der modernen Tragikomödie ist Friedrich Dürrenmatt. Er hat in seiner Rede »Theaterprobleme« (1954) die Tragikomödie für die einzig mögliche Bühnengattung in unserer Zeit erklärt. Wie er meint, ist unsere Welt anonym und unüberschaubar geworden. Es gibt keine Handlungsfreiheit mehr, keine Verantwortung und keine persönliche Schuld. Folglich kann es auch keine Helden mehr geben und keine Tragödie. Er kommt zu dem Schluss: »Uns kommt nur noch die Komödie bei.« Das Tragische hat sich in die Komödie zurückgezogen, wo wir es finden »als einen schrecklichen Moment, als einen sich öffnenden Abgrund«.

Oft Tragikomödie genannt, aber nur ein verwandtes Phänomen ist die Satire. Der Satiriker hat einen festen Ausgangspunkt: wenn er mit Bitterkeit die Welt darstellt, weiß er, wie die Wirklichkeit sein sollte. Das unterscheidet ihn vom Tragikomiker, dessen Welt sinnlos ist und der sein Publikum desorientiert lässt. Die totale Sinnlosigkeit der Welt hat die Tragikomödie mit der Groteske gemein, aber die Groteske verzerrt die Wirklichkeit bis zur Unkenntlichkeit, wodurch die Absurdität der Welt gezeigt werden soll. Das Lachen ist mit dem Unheimlichen verbunden (Beckett »Endspiel«; lonesco: »Nashörner«). Die Tragikomödie bleibt in den Grenzen von Wirklichkeit und Logik. Der Untertitel, den ein Autor seinem Drama gibt, ist oft unzuverlässig. Es gibt Bühnenstücke, die sich Tragikomödie nennen, aber Grotesken oder Satiren sind, aber auch solche, die der Gattungsdefinition entsprechen, obwohl sie sich Tragödie oder Komödie nennen (Lessing: »Minna von Barnhelm; »Kleist: »Amphitryon«).

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Quelle: livingbox
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